Privatvergnügen Kinder ?

POLITISCHES BUCH

Kinder sind nicht nur Privatvergnügen

SOZIALWISSENSCHAFT:
Eine Festschrift zum 70. Geburtstag von Max Wingen gibt zahlreiche Fakten, Meinungen und Anregungen zum Thema Familienpolitik wieder

Von Christiane Ruoß

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Kaum ein Elternpaar wird Kinder in die Welt setzen, weil es seinen Beitrag zur, Reproduktion der Gesellschaft" leisten will. Es sind vor allem irrationale Gründe, die Frauen und Männer zur Gründung einer Familie veranlassen. Dabei nehmen sie viele Mühen und enorme finanzielle Lasten auf sich. Nachwuchs zu haben ist hierzulande eines der größten Armutsrisiken. Je nach Familienbudget und Ausbildung der Sprösslinge haben Eltern für ihr erstes Kind, bis es auf eigenen Füßen steht, etwa die Summe eines Einfamilienhauses ausgegeben (450 000 Mark).

Kinder sind jedoch keineswegs nur Privatvergnügen. Sie sorgen dafür, dass Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft fortbestehen und sich weiterentwickeln können. Allein das Beispiel der finanziellen Altersversorgung macht ihre Notwendigkeit deutlich: Ohne Kinder keine Rente.. Das gilt in gleicher Weise für die gesetzliche wie für die private Rentenversicherung. Und es gilt auch für die Geldanlage in Immobilien. Keine Kinder keine Mieter oder Käufer.
Was Familien für die Gesellschaft leisten, ist zumindest in Fachkreisen weitgehend unumstritten. Ob die Instrumente zu ihrer Unterstützung jedoch ausreichen und zeitgemäß sind, steht auf einem anderen Blatt. Das belegen auch die immer wiederkehrenden Diskussionen um einen finanziellen Ausgleich zwischen Kindererziehenden und Kinderlosen. Erich Stutzer vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg rechnet vor, dass junge kinderlose Ehepaare im Schnitt über 4500 Mark monatlich verfügen, während Ehepaare mit Kindern lediglich 3807 Mark haben. Der Grund liegt auf der. Hand: Wer Kinder erzieht, kann nicht in gleichem Maß erwerbstätig sein wie Kinderlose.

Ein Vorschlag zur Verbesserung der Einkommenssituation von Familien ist beispielsweise das Erziehungsgehalt. Ein Gutachten im Auftrag des Deutschen Arbeitskreises für Familienhilfe sieht für. den erziehenden Elternteil für ein Kind bis zur Vollendung seines zwölften Lebensjahres ein Monatsgehalt von 1300 Mark brutto vor. Es soll wie ein gewöhnliches Arbeitseinkommen versteuert werden und der Sozialversicherung unterliegen.

"Zur Einkommensposition von Familien und daraus abzuleitende gesellschaftspolitische Konsequenzen" ist deshalb ein lesenswerter Beitrag von Jürgen Zerche von der Universität zu Köln. Der Volkswirt ist einer von rund 70 Autoren der Festschrift "Familienwissenschaftliche und familienpolitische. Signale". Der 687 Seiten umfassende Band ist dem katholischen Sozialwissenschaftler Max Wingen zum 70. Geburtstag gewidmet und in Anerkennung seiner Leistungen in Wissenschaft und Politik veröffentlicht worden. Der promovierte Volkswirt war unter anderem im Bundesfamilienministerium und als Honorarprofessor an verschiedenen Universitäten tätig. Außerdem leitete er zeitweise das Statistische Landesamt in Baden-Württemberg, wo er eine Familienwissenschaftliche Forschungsstelle aufbaute. Auch heute noch ist Wingen als Berater in Fragen der Familienpolitik tätig.

Die Festschrift ist ein Fundus von Fakten und Meinungen rund um das Thema Familie. Renate Schmidt, stellvertretende SPD-Vorsitzende, plädiert darin beispielsweise für ein Modell, wie es bei der Pflegeversicherung bereits praktiziert wird: "Alle zahlen ... einen Beitrag in eine Familienkasse, und diejenigen, die Kinder betreuen, bekommen daraus einen Betrag für ihre Leistung." Und Georg Kardinal Sterzinskv, Erzbischof von Berlin, widmet sich unter anderem der Frage, ob Verkehrserziehung eine Aufgabe der Kirchen sei. Ein interessanter Abschnitt beschreibt internationale Erfahrungen auf dem Gebiet der Familienpolitik. Die Beiträge befassen sich mit Themen aus Irland, Dänemark, Österreich, Luxemburg, Tschechien, der Schweiz, der Slowakei und Nigeria. Die Vielzahl und Vielfalt der Beiträge macht vor allem eines deutlich: Familienpolitik ist heute mehr denn je eine komplizierte Angelegenheit. Dabei geht es zunächst um die Zielsetzung: Soll vor allem die traditionelle Familie aus verheirateten Eltern und Kind(ern) unterstützt werden, oder soll dies in gleichem Maße für Väter und Mütter ohne Trauschein und allein Erziehende gelten? Und nicht zuletzt geht es um die Instrumente. Ein Beispiel ist der so genannte Erziehungsurlaub. Warum nutzen bisher so wenige Väter die ihnen zustehende Familienpause? Warum kommen die meisten Frauen trotz ihrer Arbeitsplatzgarantie nach der Erziehungszeit beruflich kaum wieder auf einen grünen Zweig? Fragen, auf die das Buch die eine oder andere anregende Antwort gibt.

Bernhard Jans, Andi Habisch, Erich Stutzer (Hrsg.): Familienwissenschaftliche und  familienpolitische Signale - Max  Wingen zum 70. Geburtstag; Vektor-Verlag, Grafleschaft, 2000.. 687 Seiten, 58DM.
Quelle: General-Anzeiger Bonn Mittwoch, den 8.11.2000

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